SEGMENTE DER WIRKLICHKEIT

audiomemories (excerpt)

PAPER AND LIGHT – DARK IMAGES AND MOVIES // English translation //

M. Kardinal ist Photographin im eigentlichen Sinn. Sie vergewissert sich ihrer individuellen Gegenwart, indem sie im Verständnis der ursprünglichen Bedeutung des Begriffs mit Licht zeichnet. Das existenzielle Plateau findet die Künstlerin im Unterwegssein, Reisen und Zurückkehren an den Ort der vermeintlich eigenen Authentizität, den es im labilen Provisorium stets neu zu erspüren gilt. Eine konzentrierte Form zielgerichteter Nervosität charakterisiert die schöpferische Energie einer sensiblen Künstlerpersönlichkeit. Nicht nur in klassischen Sujets, sondern auch in Anbindung an die Tradition der Schwarz-Weiss-Photographie des frühen 20. Jahrhunderts manifestiert sich die künstlerische Position von M. Kardinal vor allem in den nahezu monochromen Photographien: Pastellfarbige, feinsinnig komponierte Polaroidtryptichen sowie eine Serie meist sepiafarbener photographischer Psychogramme mittleren Formats charakterisieren die Bildreihe „Segmente der Wirklichkeit“. Vor einer fragmentarisch ornamentierten Wand wird die eigene Person in Langzeitbelichtungen inszeniert. Halt und Orientierung für die flüchtige Positionierung im Bild gibt eine Gipsbüste, hinter der die Figur nahezu deckungsgleich im Schemenhaften photographisch fixiert wird. Über den Weg des medialen Transfers offenbart die Künstlerin ihre mentale Befindlichkeit. Der Betrachter wird Zeuge eines existenziell notwendigen Dialogs zwischen Innerlichkeit und Außenwelt. 

In den Videoarbeiten wird die Anmutung des Angedeuteten und des Relikthaften in der Unvollkommenheit früherer Videotechnik in malerischer Attitüde konsequent fortgeführt. In Kombination und in gegenseitig struktureller Durchdringung verdichtet die Installation „Shima“ die immanente mediale Substanz photographischer Strategien und transponiert die kinetisch-plastische Ebene ins filmische Medium des gestalteten Lichts zurück. 

Der begleitende Ton beschränkt sich auf die Wiedergabe von technisch bedingten Kamerageräuschen, sprachlichen Fragmenten, die zwischen Flüstern, Hauchen und Atmen körperlich sinnliche Assoziationen hervorrufen, sowie auf sparsam eingesetzte minimalistische Klangcollagen.

Mit dem stets wiederkehrenden unbedingten Versuch, sich der Gegenwart im Konservieren zu vergewissern, nähert sich die Künstlerin archetypischen Bildkonzeptionen. Einfühlsam und präzise zugleich entwickelt M. Kardinal eine nahezu melancholische Bildsprache, ohne in depressiver Stimmungslage zu versinken. Rückschau und Aufbruch materialisieren sich im Momentanen der photographischen Spur und vereinen sich zeitlos im Bild. 

Michael Soltau, im Oktober 2012 

 

Music by Nico Schruhl

SEGMENTE DER WIRKLICHKEIT


In ihrer Arbeit „Segmente der Wirklichkeit“ widmet sich
M. Kardinal den Themen Ort, Projektion und Erinnerung. Die Arbeit besteht aus drei Segmenten: aus einer Serie von Gleichbild-Aufnahmen unter dem Titel „Kardinalgemächer“; aus einer Sequenz fotografischer Selbstporträts; und aus Segmenten von Laufbildern


Alles dreht sich um das alte Haus, in dem die Künstlerin seit nunmehr einem Jahrzehnt wohnt und lebt. (…)

Das alte Haus ist Zeuge zahlreicher tiefgreifender gesellschaftlicher Umwälzungen geworden. Während die Stadt – und insbesondere die das Haus umgebende Straße – ihr Erscheinungsbild immer wieder dem ereignisreichen Jahrhundert angepasst hat, hat sich das Haus in den 108 Jahren seit seiner Errichtung nur unwesentlich verändert. Einzig der Zahn der Zeit hat sein Antlitz bisher gezeichnet: es ist älter geworden; es sieht aus, als würde es irgendwann einfach vergehen – so, wie das Leben, das für jeden irgendwann einmal enden wird.

Mittlerweile ist das Haus nahezu unbewohnt. Noch aber sind dort Spuren zu finden von all jenen – seien es Menschen oder Tiere –, die in diesen Räumen gelebt, die sie belebt haben. Die alten Mauern und Wände sind Zeugen geworden von Liebe und Leidenschaft, Freude und Wut, Trauer und Abschied. Jeder Stein in diesem Haus atmet Vergänglichkeit, hinter jeder Tür verbirgt sich ein Universum an Erinnerungen. Jedes Geräusch wird zur Melodie der Erfahrung – alle Geräusche zusammen erklingen als Elegien des Abschieds.

Das alte Haus fungiert als Speicher von Empfindungen, Erinnerungen, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben. Damit hat es die Kapazität, auf das Empfinden der Zeit einzuwirken – und das gleich im doppelten Sinne. Hier spürt man nicht nur, wie zu einer bestimmten Zeit empfunden wurde; hier bekommt man auch ein Gefühl für die Zeit an sich: ihr Wesen erscheint hier stetig wandelbar. Neben dem Raum wird so auch die Zeit zwangsläufig zum Sujet der Arbeit von M. Kardinal. (…)

audiomemories (excerpt)

SEGMENTS OF SUBSTANTIALITY


In her work “Segments of substantiality”, M. Kardinal approaches space, projection, and remembrance. The work consists of three segments: a series of Polaroids, titled “Kardinalgemächer”; a sequence of photographic self-portraits; and segments of moving images.


At the core of the work is the old house that the artist has been residing and living in for the past decade. (…)

The old house has been witness to many fundamental social revolutions. While the appearance of the town – and especially the street the house is located at – has been changed in accordance with the zeitgeist, this house has changed only insignificantly for the past 108 years. Only the ravages of time have left their marks: the house has grown older; it looks like it would just fade away some time in the future – just as everybody’s life will end eventually.

By now, the house is almost completely vacated. However, one can still find the traces of all those beings – human and animal alike – that have lived in those rooms, that have enlivened them. The old walls have seen love and passion, happiness and fury, mourning and parting. Every brick in this house reminds one of the transience of life; behind every door, there is a universe of memories. Every noise contributes to the melody of experience – all noises together combine to elegies of parting

The old house serves as a storehouse for sensations and memories that have accumulated over time. In this way, one can sense how people felt at a specific time; but one also gets a feeling for time as such: its essence seems to be continuously in flux. Thus, in addition to space, time inevitably becomes another subject of the work of M. Kardinal. (…)


Ausstellungskatalog

SEGMENTI DI REALTÀ


Nel suo lavoro “Segmenti di realtà”, M. Kardinal congiunge spazio, proiezione e memoria. Il progetto si muove su tre segmenti: una serie di Polaroid chiamata “Kardinalgemächer”, una raccolta di autoritratti fotografici, e una sequenza d’immagini in movimento.


Al cuore dell’opera s’inserisce la vecchia casa, dove l’artista ha risieduto e vissuto nell’ultima decade. (…)

Il vecchio fabbricato è stato il testimone immobile di diverse rivoluzioni sociali e si scontra col profilo moderno della città – e ancor più profondamente, con la strada che lo incornicia – mutata insieme al suo zeItgeist; “il palazzo” al contrario ha conservato il suo volto per oltre 100 anni. Solo le rughe del tempo ne hanno sciupato il viso facendolo sfiorire tanto da essere giunto al punto di scomparire in un futuro non troppo lontano – com’è fatale peraltro per la vita di chiunque. 

L’edificio è ora quasi completamente disabitato ma non sono ingiallite le tracce di tutti gli esseri viventi – siano stati persone o animali – che qui hanno dimorato, e che con esso si sono illuminati. Gli antichi muri rivelano amore e passione, gioia e rabbia, cordoglio e distacco. Ogni mattone è una celebrazione della fugacità degli eventi; dietro ogni porta si nasconde un universo di ricordi. Ogni rumore scrive una parte della melodia del viaggio – e l’insieme compone l’elegia della separazione.

Il vecchio stabile diventa un magazzino di percezioni e memorie, raccolte negli anni. In questo modo è possibile empaticamente essere catapultati in un tempo specifico; ma è anche facile avere l’occasione per sentirsi sommersi dal presente. L’essenza è dunque un flusso continuo: in congiunzione con lo spazio, il tempo forma inevitabilmente un successivo elemento nel lavoro di M. Kardinal. (…)